Chronik unserer Gemeinden in und um Dresden

An dieser Stelle soll in loser Folge aus der Geschichte der Adventgemeinden in und um Dresden informiert werden. Grundlagen sind Zeitzeugenberichte und Auszüge aus Chroniken. Da alles Wissen Stückwerk ist, werden Hinweise und Ergänzungen jederzeit gern entgegen genommen.

1918 – Königstein – „…eine nette, aufblühende Gemeinde.“

Die Adventgemeinde Königstein und ihre Gründung vor knapp 100 Jahren ist ein wenig ins Vergessen geraten. Dabei verrät die Sprache viel vom Glauben und der Hingabe dieser Zeit. So berichtet der „Zions-Wächter“ am 16. September 1918:

„Seit drei Jahren hat unsere Botschaft auch in Königstein Fuß gefaßt. Anfangs schien es, daß man vergeblich arbeite. Neben der königlichen Landesfestung (Anm.: Festung Königstein) hat der Fürst dieser Welt seine Position aufgerichtet; er wollte das Elbtal dem Evangelium sperren. Das Sandsteingebiet ist ein harter Boden. Es kostet den Sämann viel Mühe und Arbeit, es zu bearbeiten. Aber wie dem auch sei, brauchen wir doch nicht von einer vergeblichen Arbeit reden. In Königstein haben wir heute eine nette, aufblühende Gemeinde.

Am 29. Juni d.J. versammelte sich die Gemeinde unter Br. Hennig`s Leitung, um ein neues Versammlungslokal einzuweihen. Viele Geschwister und Freunde der Wahrheit aus Nachbargemeinden teilten den Freudentag mit Königstein. Nach der Eröffnung der Feier sprach der Schreiber (Anm.: Karl Rose) über Gottes Fürsorge für sein Volk auf Grund des 23. Psalms. In der folgenden Ansprache führte Br. Hennig das Thema über die persönliche Heiligung aus. Darauf verkündigte Schw. Meyer das Lob des Herrn mit dem 111. Psalm.

Chorlieder und andere Vorträge an Gedichten usw. von groß und klein erhöhten die Feierlichkeit. Die Versammelten im Vorhof des Herrn brachten ein Geschenk von 52,– Mark zur Förderung des Werkes. Ein Loblied und Gebet bildeten den Schluß des Festes. Durch diesen Anlaß ist das Licht auf den Leuchter gesetzt;  möge es nun leuchten zum Heil und Segen der Menschen und zur Ehre Gottes!“

Am 30. Juni 1991 wurde die Adventgemeinde Königstein wegen Überalterung aufgelöst. Die verbleibenden Geschwister schlossen sich der Gemeinde Pirna an.

1914 – Die Adventgemeinden und der Ausbruch des ersten Weltkrieges

Deutschland trat mit der Kriegserklärung gegen Russland am 1. August 1914 in den Weltkrieg ein. Es war an einem Sabbat (Sonnabend). Die noch jungen Adventisten im Raum Dresden steckten in einer Welle von Gemeindegründungen.

Die Chroniken der Gemeinden berichten nichts vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. Trotzdem geben sie Hinweise auf die Stimmung und den Glauben der Adventgemeinden im Raum Dresden. So wird am 1. August, dem Tag der deutschen Kriegserklärung, die Gemeinde Nossen gegründet. In Radeberg steht die Gründung der Adventgemeinde bevor. Immerhin hatte Bruder Otto Schildhauer im „Deutschen Haus“ bereits 1912 die Drei-Engels-Botschaft verkündigt und vier Menschen getauft. Eine rege Missionstätigkeit gab es auch in Kamenz, Königstein und Ohorn.

Mit dem Königreich Sachsen lagen die Adventisten im Dauerstreit, denn sie verstießen im Missionseifer gegen das „Gesetz über Kultusfreiheit“. Danach durften sie keine kultischen (religiösen) Beziehungen zu Gliedern der evangelisch-lutherischen Landeskirche pflegen. Der Staat reagierte 1912 mit der Auflösung der Kindersabbatschule in Dresden. G.W. Schubert fasste die Stimmung im „Zions-Wächter“ so zusammen: „Noch niemals ist der Widerstand stärker gewesen als dies Jahr, und noch niemals habe ich die Macht Gottes so in unsern Versammlungen ruhen sehen wie gegenwärtig.“

Die Adventgemeinden im Jahr 1914

  • Arnsdorf: 12 Glieder
  • Dresden-Löbtau: 11 Glieder (1911)
  • Dresden-Altstadt: nicht bekannt
  • Meißen: 42 Gleider
  • Neustadt/Sa.: 22 Glieder
  • Nossen: 15 Glieder
  • Pirna: 38 Glieder
  • Riesa: 7 Glieder (1912)
  • Weinböhla: 6 Glieder (1912)

Wer ist wer?

  • Otto Schildhauer: Er hielt 1910 mit Hermine Ehehalt Evangelisationen in Pirna. 1911 finden wir ihn als Prediger in der Gemeinde Dresden-Löbtau. Im Januar 1912 verkündigt er im Radeberger Gasthof „Zum Deutschen Haus“ (Bahnhofstraße) die Drei-Engels-Botschaft.
  • G. W. Schubert: Er übernahm 1911 den Vorsitz der Gemeinde Pirna. Im Jahr 1912 gründete er die Gemeinde Weinböhla.

1912 – Die Anfänge der Adventbewegung in Weinböhla

Im Jahr 1903 erlebte der Kutscher Andreas Krautschick seine Bekehrung und wurde adventistischer Buchevangelist im Großraum Dresden-Meißen. Am 9. April 1904 wurde die Adventgemeinde Meißen gegründet.

Acht Jahre später gibt es in der unmittelbaren Umgebung eine weitere Entwicklung. 1912 wird nur einige Kilometer entfernt eine weitere Adventgemeinde gegründet: die Gemeinde Weinböhla. Dieser Gründung war eine jahrelange Missionsarbeit vorausgegangen. 1900 bis 1902 hatten Buchevangelisten in Weinböhla adventistische Schriften verteilt. Woher sie gekommen und wohin sie gegangen waren, ist nicht bekannt.

Vielleicht waren es auch die beiden adventistischen Ehepaare aus Bochum, die um 1900 eingewandert waren und sich schließlich im Raum Neustadt in Sachsen niedergelassen hatten. Als nächsten großen Schritt vermerkt die Chronik der Adventgemeinde Weinböhla:

1906 zog Schwester Brosch, von Beruf Schneiderin, nach Weinböhla und sagte Menschen das Wort vom wiederkommenden Erlöser Jesus Christus.

Nach weiteren sechs Jahren, im Jahr 1912, wird in Weinböhla das erste Abendmahl gefeiert. Die junge Adventgemeinde konstituiert sich als Gruppe. Am Abendmahl nehmen sechs Geschwister teil, die Leitung übernimmt Bruder G. W. Schubert. Die Glieder der Gemeinde versammeln sich in der Steinbacher Straße „bei Mutter Lehmann“, wie die Chronik ohne nähere Angaben berichtet. Über das Wirken von Schwester Brosch heißt es:

Schwester Brosch war der Gemeinde eine Stütze und rege Mitarbeiterin. Manche segensreiche Wortbetrachtung erlebten Menschen in ihrem Heim, aber auch Lob und Dank und Fürbitte.

Einige Jahre später zieht die Gemeinde Weinböhla in die Kaiserstraße 29 (heute Ernst-Thälmann-Straße). Dort bleibt sie bis 1943. Dann muss sie den Raum aufgeben und gliedert sich für über zehn Jahre an die Adventgemeinde Radebeul an.[slider]

1912 – Ausweisung aus Sachsen?

Das „Gesetz über Kultusfreiheit“ setzte etlichen Glaubensgemeinschaften bis zum Ende des Königsreiches Sachsen 1918 schwer zu – auch den Siebenten-Tags-Adventisten.

Das Gesetz diente dem Schutz der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche. Bereits im Jahr 1902 klagten Adventisten über Besuche der königlichen Geheimpolizei im Gottesdienst. Im Jahr 1912 kam eine weitere Entwicklung hinzu.

Darüber berichtet der „Zions-Wächter“, die Zeitschrift der Siebenten-Tags-Adventisten:

„Obwohl die öffentliche Arbeit gesetzlich gewährleistet ist, dürfen wir keine Kultushandlungen vornehmen an solchen Personen, die nicht offiziell aus der [evangelischen] Kirche ausgetreten sind. Darüber existieren gesetzliche Bestimmungen, die im übrigen Deutschland nicht zu finden sind.“

Das berichtet G. W. Schubert in der Ausgabe vom 6. Mai 1912.

G. W. Schubert hatte im Jahr 1911 den Vorsitz der Gemeinde Pirna übernommen. Im Jahr 1912 gründete er die Gemeinde Weinböhla. Am 2. Dezember 1912 schreibt er erneut im „Zions-Wächter“:

„In Dresden wurde von seiten der Behörde unsere Kindersabbatschule aufgelöst. Schw. Langenberg, die Frau eines unserer Prediger [in Löbtau], wurde mit Ausweisung bedroht, wenn sie Familien der Landeskirche besucht … In Waldheim und Mittweida verbot sogar der Stadtrat das Abhalten öffentlicher Vorträge. Wir haben sie trotzdem gehalten. Die Gegenarbeit setzte sofort ein. Noch niemals ist der Widerstand stärker gewesen als dies Jahr, und noch niemals habe ich die Macht Gottes so in unsern Versammlungen ruhen sehen wie gegenwärtig.“

1911 – Gegenwind im „Sachsenlande“

Die ersten Adventgemeinden in Sachsen erlebten kräftigen Gegenwind. Hinweise finden sich im Historischen Archiv der Siebenten-Tags-Adventisten in Friedensau in der Zeitschrift „Zions-Wächter“ aus dem Jahr 1911.

Die Missionarin Hermine Ehehalt berichtet in der Ausgabe 16 vom Oktober 1911

„Aus dem Sachsenlande, Dresden – Pirna.

Seit Februar des Jahres durfte ich unter den Sachsen arbeiten. Dieses Land, die Wiege der Reformation, trat von Anfang an für Luther ein … Und wiederum, nach fast 400 Jahren, kommt die letzte Reformation, die dreifache Engelsbotschaft zu den Sachsen …

Seit mehreren Monaten durfte ich in der Hauptstadt Dresden arbeiten. Wir feierten dreimal Taufe, und 21 Seelen gelobten dem Herrn Zebaoth Treue. Dieses Elb-Florenz ist eine der schönsten Städte, hat 580.000 Einwohner, ist der Sitz für Kunst und Wissenschaft und gegenwärtig ist dort auch die Hygiene-Ausstellung.
Nur die Worte der Weissagung wollen die Leute nicht gerne hören, davon wissen sie auch nichts. Aber unsere dortige Gemeinde hat mir viel Liebe erwiesen, und der Abschied war mit leid.

Am 18. September fing ich mit Vorträgen in Pirna an. Dies ist eine alte Festung mit 20.000 Einwohnern, in der Nähe der Sächsischen Schweiz. Die Pastoren warnten sofort und sperrten mir die Zeitung. Gleichzeitig hielt man am Sonntag eine Predigt über Toleranz. Aber der Herr half. Wir verteilten viele tausend Einladungen, und der Besuch sowie das Interesse sind gut. Gedenkt unserer Arbeit im Gebet. Eben Ezer. Hermine Ehehalt.

Der Bericht im „Zions-Wächter“ wirft nicht nur für uns heute Fragen auf. Er hat im Jahr 1911 sicher auch die Leser in anderen Adventgemeinden verwundert. Denn die religiösen Verhältnisse im Königsreich Sachsen waren sehr restriktiv.

Hermine Ehehalt und die Adventbotschaft in Pirna

In Pirna wurde im Jahr 1910 öffentlich die Adventbotschaft verkündigt. 1911 wurde die Adventgemeinde Pirna gegründet. Zum ersten Abendmahl trafen sich sechs Geschwister.

Den Anfang machte ein öffentlicher Vortrag im Gasthaus „Zur grünen Tanne“den späteren „Tannensälen“, Bergstraße 2. Das Gasthaus ist heute wohl jedem Pirnaer bekannt, denn seit seiner Schließung wird in der Stadt über Abriss oder Sanierung diskutiert.

Im Jahr 1910 verkündete Bruder Juhl, von Beruf Schuhmacher, in der „Tanne“ die frohe Botschaft. Weitere Vorträge hielten Bruder Schildhauer und Schwester Hermine Ehehalt (verheiratet Wemme). Die Chronik berichtet:

„Wenn auch versucht wurde, der Ausbreitung der Adventbotschaft Einhalt zu gebieten, so traf auch hier das Wort Gamaliels zu: Ist das Werk von Gott, so könnt ihr’s nicht aufhalten.“

Über die Hürden, die die Adventbotschaft überwinden musste, ist derzeit nichts bekannt. Aber ein Jahr später, am 18. November 1911, konnte das erste Abendmahl gefeiert und die Gemeinde gegründet werden. Drei Ehepaare kamen zusammen: Das Ehepaar Juhl, die Eheleute Emma und Richard Scholz sowie Hedwig und Emil Rodörfer. Geschwister Scholz und Rodörfer waren aus dem schlesischen Lauban (heute Lubán) zugezogen.

Abendmahl und Gemeindegründung fanden in Rordörfers Wohnung, Schmiedestraße 1 (2. Etage) im Zentrum von Pirna statt. Den Vorsitz übernahm Bruder G.W. Schubert. Bruder Juhl wurde Gemeindeältester. Und die junge Adventgemeinde wuchs. Die Chronik berichtet:

„Eifrige Mission mit Unterstützung von Schwester Ehehalt und Bruder Schildhauer führte dazu, dass bereits am 5. Januar 1912 sechs Schwestern durch Taufe zur Gemeinde kamen.“

Ein herzliches Dankeschön an Wolfgang Kreher und Dieter Rockstroh.

1909 – Die Anfänge in Dresden-Löbtau

Nach der Gründung der Gemeinde Neustadt in Sachsen 1908 führt uns der Weg zurück in die Landeshauptstadt Dresden. Die Chronik der Gemeinde Dresden-West berichtet eindrucksvoll von den Anfängen in Löbtau:

Die Gemeindegründerfamilie Max Fritsche mit Ehefrau Nanny (geb. Neubert) mit drei von insgesamt acht Kindern.

Herbst 1909 – nasskalter Wind reißt die braungelben Blätter von den jungen Bäumen an den Straßenrändern. Bauarbeiter wuchten Bretter von einem Pferdewagen. Es ist nicht die einzige Baustelle in Löbtau, die noch vor Einbruch des Winters fertig werden soll. Auch an den Gleisanlagen der Straßenbahn von der Kesseldorfer Straße aus nach Cotta wird noch emsig mit Hacken und Hebeln und einem mechanischen Kran gearbeitet. Schwere Brauereipferde ziehen die Schienen in die richtige Position. Tag für Tag rückt der neue Gleisstrang frisch verschraubt und mit Pflastersteinen eingebettet voran.

An einem jener Herbsttage des Jahres 1909 stieg der adventistische Prediger Weymann aus dem Eisenbahnabteil und suchte sich ein Zimmer in Löbtau. Hier in diesem emporstrebenden Stadtgefüge wollte er eine neue Adventgemeinde gründen und begann, für einen biblischen Vortrag zu werben.

Der Drei-Kaiser-Hof bot nicht nur Quartier, sondern auch den Vortragsraum. Die Besucher kamen zahlreich an diesem Abend, neugierig, denn Kino und Theater waren teuer, der Fernseher war noch lange nicht erfunden. Nach dem Vortrag zeigten fünf Frauen weitergehendes Interesse. So besuchte sie Prediger Weymann in ihren Wohnungen. Bald zeigte sich, dass sie bereit waren, den 7. Tag der Woche heilig zu halten. Doch es gab in Löbtau noch keine Adventgemeinde. Und so empfahl ihnen Bruder Weymann den Gottesdienstbesuch in einer schon bestehenden Adventgemeinde in der Serrestraße, Nähe Carolabrücke.

Es handelte sich um jene Adventgemeinde, die sich im Jahr 1900 zunächst in einem Privathäuschen in Striesen versammelt hatte. Nun hat sie schon mehrere Umzüge hinter sich und nimmt die fünf jungen Frauen aus Dresden-Löbtau herzlich auf.

1908 – Gründergeist in Neustadt in Sachsen

Zwei Bochumer Ehepaare hatten den Adventglauben in unsere Region Dresden gebracht. Die ersten Jahre waren mühevoll, doch allmählich kam Schwung in die Arbeit.

Die erste Gemeinde im Raum Neustadt in Sachsen (Foto um 1908). Auf dem Foto sind die beiden Gemeindegründer Petzold und Sessny aber nicht mit abgelichtet.

Die Chronik der Gemeinde Neustadt in Sachsen berichtet:

„Durch Geschwister Petzold und Geschwister Sessny, die um 1900 aus Bochum nach Langburkersdorf gekomen waren, wurde der Adventglaube erst hier bekannt. Nach einigen Jahren waren dann ca. sechs Glieder zu unserem Glauben gekommen. Somit wurde am 15. Juli 1908 von Bruder Weinmann (Dresden) mit Gottes Hilfe und Beistand eine selbständige Gruppe von 13 Gliedern in dieser Gegend gegründet.“

Die Gruppe verbreitete hunderte Missionsschriften, vor allem durch August Kaufer und seinen leiblicher Bruder Max. Nun erwies sich die Verstreuung der Geschwister als Geschenk: im Jahr 1909 konnte eine Gruppe in Wilthen, 1911 eine Gruppe in Bad Schandau gegründet werden. 1913 wurde in Langburkersdorf der erste eigene Versammlungsraum eingeweiht. Der finanzielle Erlös der Schriftenmission floss in ein nagelneues Harmonium.

1905 – Max Berger: Vom Heizer zum Evangelisten

Am 8. März 1904 wird in der Adventgemeinde Meißen, noch vor ihrer offiziellen Gründung, neben Elisabeth Bormann auch Max Beger getauft. Max Beger lebte von 1882 bis 1958. Er hat eine interessante Geschichte.

Max Beger war der Großvater von Karin Kusch (Adventhaus Dresden), die sich heute noch erinnert:

„Mein Großvater stammte aus Kmehlen bei Meißen. Dort war er Vogt beim Rittergut, er war für die Bauern im Dorf zuständig. Wie er mit der Gemeinde zusammen gekommen ist, weiß ich nicht. Aber er hat Interesse daran gehabt und er hat in seiner Bibel gelesen und gesagt. „Gut, wenn das so ist, dann will ich das so machen.“

So etwa 1905 zog er von Meißen nach Dresden und wurde Heizer bei der Post. Es war eine schöne Arbeit. Und einige Jahre später, da war er schon verheiratet, da hat er gesagt: „Ich kann das nicht mehr machen. Ich muss ganz für den Herrn arbeiten.“ Da hat er aufgehört und ist Kolporteur (Buchevangelist) geworden. Das war finanziell nicht so üppig. Meine Großmutter, sie war katholisch getauft, ist arbeiten gegangen. Sie war Köchin, sie hatte gute Adressen, als Privatköchin auf dem Weißen Hirsch.

Mein Großvater hat viel von seinen Erfahrungen erzählt. Um 1945 gab es viel Spiritismus. In die Gemeinde kamen Menschen, die damit vorbelastet waren. Und mein Großvater ist immer zu den Menschen gegangen und hat mit ihnen gebetet, er hat gesagt: „Du musst vertrauen.“ Und er ist bei ihnen geblieben und hat die Situationen auch mit durchgestanden. Er hat zum Beispiel den Wasserhahn wieder zugemacht, wenn eine unsichtbare Hand ihn geöffnet hatte.

Ich war nicht sehr viel mit meinem Großvater zusammen, aber er war lieb. Er hatte für sein Enkelkind etwas übrig. Aber er war auch streng. Ins Kino oder zum Tanz gehen, das gab es nicht. Schmuck tragen auch nicht, das wurde weg getan. Es kamen Verbote: „Ein Gotteskind tut das nicht. Was würde Jesus dazu sagen?“ Heute sage ich mir, es hat mir viel geholfen. Weil es wirklich wichtig ist, zu fragen: Was würde Jesus dazu sagen?

In den 50er Jahren war mein Großvater aktiv auf dem SONNENHOF. Die brauchten ja Wasser auf dem Sonnenhof. Da musste ein Brunnen gegraben werden. Sie haben gedacht, gut, das ist Sand, aber ab einer gewissen Tiefe kam Tiefengestein. Da musste gesprengt werden. Das ist unter der Leitung von Bruder Friedrich Hambrock geschehen und die Brüder haben mit ausgeschachtet (Anmerkung: der Brunnen ist 14 Meter tief und heute noch in Betrieb).

Großvater hat tolle Erfahrungen mit Gott gemacht. Meine Großeltern haben alles auf die Kante gesetzt und der liebe Gott hat sie gesegnet.“

1902 – Die „Friedensauer Schwesternschaft“

Die Dresdner Adventgemeinde ist noch jung und auch nicht besonders groß. Trotzdem entschließt man sich, ein Wohnheim für die „Friedensauer Schwesternschaft“ einzurichten.

Das Heim befindet sich in der Schnorrstraße 82, zwischen Hauptbahnhof und dem Gelände der TU Dresden. Zu den ersten Bewohnerinnen gehören die Schwestern Budnat und Elisabeth Reichstädt. Die „Friedensauer Schwesternschaft“ wurde am 19. Juli 1901 mit der Einweihung des Sanatoriums in Friedensau ins Leben gerufen. Die Anregung dazu holte man sich von den evangelischen Diakonissenhäusern des 19. Jahrhunderts.

Friedensauer Schwesternschaft

Kraftvolle Bewegung: die „Friedensauer Schwesternschaft“

Die Schwesternschaft entwickelte sich zum Berufsverband des adventistischen Pflegepersonals. Nach ihrer Ausbildung in Friedensau gingen die Schwestern in die Städte und übernahmen die Privatpflege von begüterten Leuten. Später kamen Einsätze in den Adventgemeinden und in Krankenhäusern hinzu. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges gingen viele Schwestern auch in die Missionsgebiete, z. B. nach Afrika. Es gab also von Deutschland aus persönliche Verbindungen dorthin. Möglicherweise gewannen auch deshalb „Missionsberichte“ in den Gemeinden an Bedeutung.

Die „Friedensauer Schwesternschaft“ war Teil der so genannten adventistischen Gesundheitsbewegung. Die Schwestern fügten sich einem eigenen Regelwerk und trugen Tracht (die bis 1986 auch in der DDR in Gebrauch war). Viele entschieden sich, unverheiratet zu bleiben. Nach dem 2. Weltkrieg änderte sich die Situation. Immer mehr auch verheiratete Schwestern schlossen sich der „Friedensauer Schwesternschaft“ an. Die Mitgliedschaft in diesem Berufsverband hielt sie zudem zusammen. Die regelmäßigen Treffen – zuletzt fand ein Treffen 2011 statt – galten dem Erfahrungsaustausch, Gebet und gemeinsamen Singen. Die letzte Leiterin, „Oberin“ genannt, in der DDR war Schwester Ruth Scholz. Sie gehört heute der Adventgemeinde Lichtenberg an.

Über den Weg der „Friedensauer Schwesternschaft“ speziell in Dresden ist leider wenig bekannt geblieben, außer ein Umzug von der Schnorrstraße in die Haydnstraße, ins heutige Adventhaus. Nach 1945 verliert sich die Spur fast völlig. Möglicherweise finden sich Dokumente, die mit weiteren Details die Zeitreise aufschlussreicher machen würden.

Königliche Geheimpolizei im Gottesdienst

Die Glaubensgemeinschaften in Sachsen, darunter auch die Siebenten-Tags-Adventisten, hatten bis 1918 mit einem „Gesetz über Kultusfreiheit“ zu kämpfen. Dieses Gesetz diente dem Schutz der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche und schränkte die Arbeit anderer Glaubensrichtungen ein. Der „Zions-Wächter“, die Zeitschrift der Siebenten-Tags-Adventisten, berichtet, wie das „Gesetz über Kultusfreiheit“ in der Praxis wirkte:

„Bis jetzt sind wir noch immer sehr scharf kontrolliert worden, auch in unsern Sabbaths-Versammlungen bleibt die Geheimpolizei nie aus. Vor einigen Wochen wurde uns eröffnet, daß wir sofort beim Kultus-Ministerium einzukommen hätten, wie dieses entscheiden werde, so habe es zu geschehen. Da wir aber mit so einer wichtigen Sache noch etwas zögerten, um die Bitte richtig zu verfassen, wurde ich auf das Polizeiamt verlangt, welches mit tüchtig die Leviten gelesen hat. Aufs neue wurde ich mit Ausweisung bedroht.“ 

Das berichtete Gerhard Perk in der Ausgabe vom 21. April 1902.

Perk war von Krim gekommen und gründete in Ostdeutschland eine Reihe von Adventgemeinden. So gründete er im Jahr 1901 im Hotel „St. Petersburg“ auf dem Neumarkt mit 12 Adventgläubigen die erste Dresdner Adventgemeinde.

„Wir haben uns hier rasch eingelebt und sind auch bald mit den hiesigen Geschwistern und Verhältnissen bekannt geworden. Anfangs wurde eine jede unserer Versammlungen, selbst die Singstunden, von der Geheim-Polizei besucht und überwacht. Ich wählte meine Texte meistenteils aus den Evangelien und Episteln, das prophetische Wort berührte ich weniger, somit blieben sie allmählich weg.“ 

So berichtet es Kurt Sinz am 17. November 1902 aus Dresden. 

Sinz arbeitete 1902 bis 1904 für die Dresdner Gemeinde und wohnte in der Ziegelstraße 54 in Johannstadt. Dort stand ein Privathaus, dass Geschwister für die Gottesdienste zur Verfügung gestellt hatten. Denn der Versammlungsraum in der Gaststätte „St. Petersburg“ war inzwischen zu klein geworden.

1901 – Von der Krim nach Dresden

Ein neues Jahrhundert hat begonnen und zeitgleich geschieht eine Gemeindegründung nach der anderen …

1904 wird die Gemeinde Meißen gegründet, 1908 die Gemeinde Neustadt in Sachsen. 1910 wird die Gemeinde Dresden-Löbtau ins Leben gerufen, ein Jahr später die Gemeinden Bad Schandau und Pirna. Es folgen Weinböhla (1912), Radeberg (1915), Radebeul (1919) und Dippoldiswalde (1921).

Oft gehen einer Gründung jahrelange Evangelisationen voraus. So braucht es in Neustadt in Sachsen offenbar acht Jahre vom Auftauchen der ersten Missionare bis zur eigentlichen Gemeindegründung.

Gehen wir das 20. Jahrhundert also ruhig an. Nachdem Ludwig Richard Conradi die ersten Geschwister in Dresden getauft hat, reist er weiter. Prediger Gerhard Perk übernimmt 1901 die Gruppe und gründet mit den inzwischen 12 Gläubigen ganz offiziell eine Gemeinde. Die Gottesdienste werden im Hotel „Stadt Petersburg“ auf dem Neumarkt gefeiert.

Foto Gerhard Perk

Ist die Adventbewegung die Geschichte alter Männer? Wer sich Gerhard Perk (Foto) genau anschaut, entdeckt ein jugendliches Gesicht.

Gerhard Perk kam von der Krim, wo er als deutschstämmiger Mennonit gelebt hatte. Die Schrift „Die Botschaft des dritten Engels“, die er von einem Nachbarn erhalten hatte, hatte sein Leben verändert. Fortan war er durch Russland gereist und hatte Bibeln verkauft. 1898 war er nach Sachsen gekommen und hatte 1899 die Gemeinde Chemnitz gegründet. Danach lebte er in Dresden und feierte nun mit der noch jungen Gemeinde jede Woche in einer Hotelgaststätte Gottesdienst.

Das Jahr 1900

Die Verbreitung der Adventbotschaft im Raum Dresden beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts. Soweit bekannt, an zwei Orten zu gleicher Zeit: in Dresden und Neustadt in Sachsen.

Foto Ludwig Richard Conradi

Mit 30 Jahren kam Ludwig Richard Conradi (Foto) an der Seite Ellen Whites nach Europa.

Den Anfang machten offenbar Reise-Missionare aus dem heutigen Nordrhein-Westfalen. Die Chronik der Gemeinde Neustadt in Sachsen berichtet von zwei adventistischen Ehepaaren aus Bochum, die um 1900 in die Gegend zwischen Sächsischer Schweiz und Lausitzer Hügelland „einwanderten“. Bis zur Gründung der Neustädter Gemeinde sollten aber noch einige Jahre vergehen.

Die Chronik der Gemeinde Dresden-Adventhaus vermerkt:

„In den ersten Monaten des Jahres 1900 weckte Schwester Grunert durch unser Schrifttum, das sie liebevoll weitergereicht hatte, starkes Interesse für die Adventbotschaft in Schwester Hübler und ihrer Mutter sowie in Schwester Stelzer. Noch im gleichen Jahr, am Sabbat, dem 21. Mai, wurden diese drei Glaubensgeschwister mit vier weiteren Taufbewerbern von Prediger Ludwig Richard Conradi getauft.“

Leider wissen wir nicht, wie Schwester Grunert zur Adventbotschaft gefunden hat. War es Bibelstudium? Aber woher stammt dann das „Schrifttum“? Oder waren die adventistischen Ehepaare aus Bochum auch durch Dresden gereist? Sicher ist nur, dass sich die frisch getaufte Gruppe im Häuschen von Schwester Pönitz in Alt-Striesen versammelte und dort jeden Sonnabend Gottesdienst feierte.

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