„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.

Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trüben Zeit.“

1942 schrieb Schalom Ben-Chorin dieses Gedicht mit dem Titel „Das Zeichen“. Es entstand in einer schrecklichen und hoffnungslosen Zeit. Der blühende Mandelzweig – ein zartes Hoffnungszeichen, dass nicht Angst und Schrecken, Krankheit und Tod, sondern dass das Leben siegt.

Ich kann mich nicht erinnern, den Frühling jemals so sehnsüchtig erwartet zu haben wie in diesem Jahr. Endlich raus aus den vier Wänden, die milde Luft atmen und das Leben wieder spüren. Die ersten Frühlingsblüten sind wie ein Hoffnungszeichen, dass das Leben siegt und die Bäume wieder in voller Blüte stehen.

Der 2. Corona-Lockdown war schlimmer als vermutet und er dauert länger als alle dachten. Er bremste nicht nur das öffentliche Leben und die Wirtschaft aus, er verdunkelte die Seele und drohte das Leben langsam zu ersticken. Erst jetzt wird einem das so richtig bewusst. Corona geht an die Substanz. Man kann das Wort schon nicht mehr hören. Viele wurden krank und nicht jeder wieder ganz gesund. Menschen sind an Corona gestorben und Familien trauern um ihre Angehörigen. Viele Selbständige bangen um ihre Existenz oder um das bisher gewohnte Leben, vielleicht auch um ein scheinbar verlorenes Jahr. Hoffentlich bleiben wir wenigstens vor einer 3. Welle verschont.

 

Freunde, dass es in diesem Frühling wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Zweifellos ist eine florierende Wirtschaft wichtig. Uneingeschränkte Freiheit jedes Einzelnen und ein reiches kulturelles Leben sind ein hohes Gut. Auch 2 – 3 Mal im Jahr Urlaub in den schönsten Gegenden der Welt machen zu können ist Lebensqualität. Aber sind es wirklich unsere höchsten Werte, so wertvoll wie das Leben selbst? Die Baumblüte im Frühling ist sicherlich kein Zeichen oder Versprechen das alles wieder so wird wie vorher. Er ist keine Verheißung auf noch mehr Konsum, Luxus und Events. Im Gegenteil – vieles was früher bei uns blühte ist selten geworden. Wir wissen längst, dass unsere Art zu leben die Zukunft unserer Welt aufs Spiel setzt. Es mehren sich die Anzeichen, dass wir an einem Wendepunkt stehen und eine Ära zu Ende geht oder dass sie bereits zu Ende ist. Vielleicht ist die Corona-Pandemie ja auch ein Zeichen dafür, dass die Party endgültig vorbei ist. Ungebremstes Wachstum und hemmungslose Spaß- und Konsumgesellschaft kann man eben nicht endlos haben. Das muss aber nicht heißen, dass das Leben oder der Spaß am Leben vorbei ist.

„Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trüben Zeit.“

Vielleicht ist es an der Zeit, radikal umzudenken und umzukehren, neue Wertmaßstäbe zu setzen. Sollten wir nicht dankbarer sein für das, was uns an Leben und im Leben geblieben ist? Anstelle von immer mehr haben wollen eine neue Bescheidenheit einüben? Verzicht und Selbstbeschränkung als ein besserer Weg für ein gelingendes Leben auch in Zukunft? Sind die Freuden an den kleinen Dingen vielleicht am Ende doch der größere Reichtum? Zum Beispiel den Frühling mit ganzem Herzen zu erwarten, zu begrüßen und zu genießen. Aber nicht unbedingt am Mittelmeer oder auf den Malediven, sondern hier wo wir zu Hause sind. „Achtet dieses nicht gering, in der trüben Zeit“. Zu Menschen, die wir lieben zu stehen in guten wie in schlechten Zeiten, weil wir es versprochen haben. Nach Kälte und Dunkelheit kommt wieder Frühling. Warum also nicht immer wieder anfangen, das Leben neu zu beginnen?

Diesen neuen Anfang erwarten wir nicht nur alle Jahre wieder im Frühling, wir feiern ihn auch in jedem Jahr zu Ostern. Trotz allem Leid und Schmerzen, trotz aller Trauer gibt es Hoffnung auf einen neuen Anfang. Und das sogar über den Tod hinaus. Gott selbst hat ein Hoffnungszeichen aufgestellt. Es ist keine Impfung gegen den Tod, so schön das vielleicht wäre. Aber das Zeichen des Kreuzes erinnert an den Tod und an die Auferstehung Jesu. „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt“, so versprach es Jesus. Unmöglich? Vielleicht ja doch nicht. Was haben wir denn zu verlieren, außer am Ende das Leben? Aber vielleicht könnten wir es ja auch in seiner ganzen Fülle gewinnen – wenn wir uns auf Jesus einlassen und ihm unser Leben anvertrauen.

Foto: Maria Scheel. Andacht: Lothar Scheel (rechts)