Meine Zeit ist immer knapp. Im neuen Jahr möchte ich das ändern. Gibt es einen biblischen Tipp?

Machen wir doch einen Umweg über die griechische Philosophie, der die Zusammenhänge ganz gut erhellt.  „Panta rhei“ – alles fließt, meinte der Philosoph Heraklit von Ephesos um 500 v.Chr. Nichts ist geblieben wie es war, nichts bleibt wie es ist. Das Leben ist Bewegung und ständige Veränderung. Alles Sein ist darum Entwicklung und ein ständiges Werden – und auch Vergehen.

Um das zu erkennen muss man allerdings kein Philosoph sein. Besonders am Beginn eines neuen Jahres merkt man, dass alles im Fluss ist und dass ganz besonders die Zeit viel zu schnell fließt. Was, schon wieder ein Jahr vorbei? Haben wir nicht gerade erst das letzte Silvester gefeiert? Wo ist die Zeit nur hin? Und während man sich vielleicht noch an Zeiten in der Kindheit erinnert, wo die Zeit nicht vergehen wollte, scheint sie immer schneller zu laufen, je älter man wird.

„Chronos“ war bei den alten Griechen ein Gott der Zeit und darum auch einer ihrer Begriffe für „Zeit.“ Chronos meinte den unaufhörlichen Zeitfluss. Dass alles fließt wird zum Lebensgefühl, vielleicht auch, dass alles irgendwie zerfließt, einem geradezu zwischen den Fingern zerrinnt wie trockener Sand, den man einfach nicht festhalten kann.

Dabei versuchen wir, die Zeit, wenn wir sie schon nicht anhalten können doch wenigstens irgendwie festzuhalten, z.B. in Bildern und Videos als Erinnerungen oder mit besonderen Festen und Jubiläen. In der westlichen Welt versuchen wir „Zeit zu gewinnen“, in dem wir alles schneller machen oder die knappe Zeit so effektiv wie möglich ausnutzen und möglichst viel hineinpacken wollen. Mehr Zeit gewinnt man dadurch allerdings nicht, meistens auch nicht das Gefühl, mehr Zeit gehabt oder in der verfügbaren Zeit mehr erlebt zu haben.

Andere versuchen darum, Zeit durch „Entschleunigung“ zu gewinnen. An und für sich keine schlechte Idee in Zeiten permanenter Beschleunigung. Auf die Zeit selbst hat das allerdings trotzdem keinen Einfluss, allenfalls auf unser subjektives Zeitgefühl.

Ein Tag mehr im neuen Jahr

Was also wäre schlau, am Beginn eines neuen Jahres von dem ja der von uns mit 366 Tagen mit 8.784 Stunden 1 Tag und damit 24 Stunden mehr hat als in normalen Jahren?

Vielleicht wäre es ja anstelle der alljährlichen guten Vorsätze, die meistens schon im Januar scheitern ein realistischer Vorsatz, diesen einen zusätzlichen Tag im Jahr 2020 mit seinen 24 Stunden mit etwas ganz Besonderem zu füllen. Es müsste aber etwas sein, für das man sonst keine Zeit hat oder sich keine nimmt. Auf jeden Fall sollten es nicht 10 oder mehr Dinge sein, die man immer schon mal machen wollte. Es reicht eine einzige Sache, die zu einem ganz besonderen Moment wird. Die könnte man sich z.B. für den 29. Februar vornehmen, der zudem in 2020 ein Samstag ist.

Apropos Samstag. Den gibt’s ja nicht nur am 29.02., sondern in jeder Woche. Die Juden feiern an jedem 7. Tag der Woche Sabbat (einigen christliche Kirchen tun das übrigens auch). Nach jüdischer Vorstellung ist der Sabbat ein Tag, an dem man den üblichen Fluss der Zeit einfach mal verlässt. Die Zeit wird buchstäglich angehalten. Alles bleibt einfach stehen und liegen wie es ist, nichts wird noch obendrauf und reingepackt. Für 24 Stunden steht die Zeit still und das Leben oder das Mensch-Sein wird gefeiert. Der Mensch findet zu sich selbst zurück und zu den Quellen seines Lebens. Ein toller Gedanke – finde ich. Und das jede Woche – das hätte das Zeug zum wirksamsten Anti-Stress-Programm aller Zeiten.

Damit ergibt sich mitten im Zeitfluss, dem „Chronos“ etwas Neues, was die Griechen „Kairos“ nannten. Kairos bedeutete auch „Zeit“, aber Zeit als einen ganz besonderen oder günstigen Moment. Es ist die Zeit, die fast wie aus der Zeit gefallen erlebt wird. Dabei kann so ein „Kairos“, so ein günstiger oder besonderer Moment, den man auf keinen Fall verpassen sollte, an jedem Tag und jederzeit ins Leben treten. Meistens kommt so ein Kairos unverhofft und ungeplant. Und wer ihn verpasst, kann ihn nicht nachholen.

„Meine Zeit steht in Deinen Händen“ heißt es in Psalm 31,5. Aus Gottes Hand kommt die Lebenszeit, die wir wie einen unaufhaltsamen Fluss erleben und der meist viel zu schnell fließt. Aus seiner Hand kommt auch der besondere Augenblick, der glückliche Moment, die ganz besondere Begegnung, das unverhoffte Wiedersehen, die gelungene Zeit. Mit diesem Blick auf die Zeit kann man getrost in ein neues Jahr gehen. 

 

 

 

Andacht: Lothar Scheel

 

 

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