„Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich loslässt, der wird es für immer gewinnen.“ – Matthäus 10,39
In unserer Gesellschaft gilt Loslassen oft als Schwäche. Man lässt nicht einfach los, wofür man viel Zeit, Energie und vielleicht auch Geld investiert hat. Nicht nur festhalten was man hat, sondern mehr daraus machen ist die Botschaft unserer Zeit. Doch auch Loslassen zu können ist eine besondere und nicht leicht zu lernende Fähigkeit im Leben.
Der November mit seiner düsteren und melancholischen Stimmung verkörpert geradezu den Gedanken des Loslassens. Der Oktober war golden, durchströmt von bunten Farben und stimmungsvollem Licht. So bunt und angenehm warm könnte es immer bleiben. Der November ist grau, die Farben verblassen und das Leben scheint sich allmählich aus der Natur zu verabschieden. Die Bäume lassen ihre Blätter los, kühle Nächte und erste Fröste künden vom bevorstehenden Winter. Viele mögen den November darum gar nicht.
Dieser Wandel ist ein Bild für unser Leben. Egal, wie sehr wir uns dagegenstemmen – irgendwann ist es nicht mehr zu leugnen: Der Körper wird weniger geschmeidig, der Geist ist nicht mehr so lernfähig und lebhaft wie früher. Auch die Seele kennt trübsinnigere Phasen und Einsamkeit. Statt Optimismus und Unbekümmertheit ziehen Wehmut oder gar Schwermut ein und Trauer über bereits erlittene und noch kommende Verluste.
Stück für Stück müssen wir hergeben und loslassen, was wir doch festhalten möchten: die Gesundheit, unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Unabhängigkeit, unsere Zukunftspläne und vieles mehr. Schließlich auch geliebte Menschen, die plötzlich nicht mehr da sind. Am Ende auch uns selbst. Kein Wunder, dass wir uns mit aller Kraft dagegenstemmen, das Unvermeidliche zumindest hinausschieben möchten.
Loslassen zu können ist wohl eine der größten Herausforderungen und eine zentrale Lebensaufgabe, für ältere Menschen – aber nicht nur für sie. Jeder von uns muss immer wieder etwas loslassen, das er gern behalten und bewahren möchte. Denn Loslassen können wir in der Regel nicht besonders gut. Lieber jammern und klagen wir, trauern früheren Zeiten nach, wollen Verluste nicht akzeptieren und machen oft andere dafür verantwortlich.
Aber der November ist nicht das Ende. Das blühende Leben der Natur loszulassen ist kein Totalverlust, keine Vernichtung – sondern schafft Raum für Neues. Dieses Neue kündigt sich Ende November bereits an, wenn die Adventszeit beginnt. Licht scheint in die Dunkelheit und kündet wie die Morgensonne den Anbruch einer besseren, einer hellen Zukunft. „Christ der Retter ist geboren, Trost der Welt“. Aber er spendet nicht nur Trost, er ist unsere Rettung. Er ist die Hoffnung für jeden persönlich und darüber hinaus für diese Zeit und unsere angeschlagene Welt. Gott hat uns nicht vergessen!
Auch wenn wir vieles und am Ende alles loslassen müssen – er lässt uns niemals los. Er hält uns fest. Er glaubt an uns. Das meint Jesus, wenn er sagt: „Wer aber sein Leben für mich loslässt, der wird es für immer gewinnen.“
Das ist die frohe Botschaft für den November und für alle Tage unseres Lebens.
Text: Lothar Scheel
Foto: Gundula Vogel auf Pixabay






















