Andacht Februar: Zwischen Winterkälte und leiser Hoffnung

Jan. 30, 2026

Der Februar ist ein seltsamer Monat.
Die Lichter der Advents- und Weihnachtszeit sind erloschen. Die vertrauten Familienmomente liegen hinter uns. Um uns: Kälte, Grau, Matsch. Tage, die sich gleichen. Nichts scheint sich zu verändern, nichts deutet sichtbar auf einen Neuanfang hin.

Auch innerlich erleben viele diesen Stillstand. Die Nachrichten verstärken ihn. Jeden Tag neue Meldungen, die erschrecken, überfordern, verunsichern. Das Gefühl wächst, dass ein regelbasiertes, verlässliches Weltgefüge brüchig geworden ist. Was gestern noch galt, scheint heute nicht mehr sicher. Das erzeugt kollektive Fassungslosigkeit – und Angst.

In dieser Situation haben mich Gedanken aus einer Rede auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos von Mark J. Carney (Premierminister Kanadas) berührt. Er sprach davon, dass die Macht der weniger Mächtigen mit Ehrlichkeit beginnt. Davon, dass Systeme nicht nur durch Gewalt bestehen, sondern durch die stillschweigende Teilnahme ganz gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Václav Havel hat das in seinem Aufsatz „Die Macht der Machtlosen“ eindrücklich beschrieben:
Ein System lebt nicht von seiner Wahrheit, sondern davon, dass alle so tun, als wäre es wahr. Und es beginnt zu bröckeln, wenn jemand damit aufhört.

Diese Gedanken treffen einen Nerv unserer Zeit. Sie beschreiben eine Welt, in der Anpassung als Sicherheit verkauft wird, in der Konformität als Überlebensstrategie gilt. Eine Welt, die kalt werden kann – wie ein Winter ohne Aussicht auf Frühling. Eine Welt der Raubtiere, in der die Starken dominieren und die Schwachen schnell aussortiert werden.

Genau in eine solche Welt hinein spricht die Bibel.

Wenn wir auf Gottes Gebote schauen, dann sind sie nicht zuerst ein moralischer Maßstab zur Selbstoptimierung. Sie sind keine juristisch wasserdichten Paragraphen und auch kein spirituelles Leistungsprogramm. Sie sind Orientierungshilfen für ein gelingendes Leben in einer Welt der Machtverhältnisse. Sie schützen das Leben, die Würde, die Beziehungen – besonders dort, wo der Schwächere sonst unter die Räder käme.
Gottes Gebote sind keine kalten Regeln. Sie sind ein Gegenentwurf zur Kälte einer Welt, in der jeder nur um sich selbst kreist.

Jesus selbst sagt nüchtern (Johannes 16,3):
„In der Welt habt ihr Angst.“
Er beschönigt nichts. Aber er bleibt nicht dabei stehen:
„Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Wie sieht diese Überwindung aus?
Nicht durch noch größere Macht, nicht durch Härte oder Rückzug in die eigene Festung. Sondern durch Beziehung. Menschen wenden sich einander zu. Sie reichen einander die Hand. Sie teilen Wärme – im übertragenen wie im ganz konkreten Sinn.
Gott selbst geht diesen Weg. Er wendet sich uns zu – nicht nur zu Weihnachten, sondern an jedem grauen Februartag danach. Er ist ein Gott, der unsere Schwachheit sieht, erkennt und heilt. Einer, der nicht auf Distanz bleibt, sondern Nähe sucht. Und wir Menschen wenden uns ihm zu, dem Überwinder.

Darum heißt es:
„Wenn ihr dies alles seht, dann erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)
Auch wenn der Winter noch spürbar ist – der Frühling steht vor der Tür.

Und noch persönlicher sagt Christus:
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und mir öffnet, zu dem werde ich eintreten und das Mahl mit ihm halten.“ (Offenbarung 3,20)

Das ist kein Bild von Macht, sondern von Gemeinschaft. Kein kaltes System, sondern ein gedeckter Tisch.
Mit ihm an unserer Seite dürfen wir hoffen. Wir dürfen Sicherheit empfinden, die nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus Vertrauen. Wir dürfen uns fallen lassen – weil wir nicht allein sind.

Diese Allianz mit Gott hat eine Stärke, die tiefer reicht als politische Machtspiele. Sie gründet in Wahrheit, Integrität und Beziehung. Sie setzt der Kälte etwas entgegen. Und sie wird die Mächtigen nicht nur begrenzen, sondern sie eines Tages auch zur Rechenschaft ziehen.

Am Ende steht nicht der Winter.
Am Ende steht die Verheißung:
„Siehe, ich mache alles neu.“

 

Text: Gerald Hoffmann
Foto: Gerald Hoffmann

Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

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