Die Westküste Portugals ist ein wunderschöner Ort. Schroffe Felsen ragen hoch über den Atlantik, an den Stränden brechen sich die Wellen mit großer Kraft und der Wind weht oft kräftig vom Meer herüber. Für Surfer sind das ideale Bedingungen.
Als wir am frühen Nachmittag an einem dieser Strände ankamen, war noch viel Platz. Wir suchten uns einen schönen Standort und bauten unser Tarp auf. Es war für die kräftigen Winde gut geeignet und bot uns einen angenehmen Schattenplatz.
Von dort aus konnten wir eine junge Familie beobachten, die etwas später eintraf. Der Vater trug das Baby auf dem Arm, während die Mutter versuchte, mit ihren Zeltplanen einen geschützten Platz für die Familie zu schaffen.
Aber es wollte einfach nicht gelingen.
Der Wind war so stark, dass die Plane immer wieder davonflog. Sie versuchte es auf unterschiedliche Weise, veränderte die Konstruktion, kämpfte gegen den Wind – doch ohne Erfolg. Man konnte ihr ansehen, wie sehr sie sich ärgerte. Sie wollte nicht aufgeben.
Dann wechselte sie den Standort.
Aber auch dort war der Wind noch genauso stark. Was immer sie versuchte, es wollte einfach nicht funktionieren.
Ich konnte irgendwann nicht mehr nur zuschauen. Zunächst ging ich selbst ein Stück weiter, um herauszufinden, ob meine Vermutung stimmte: Hinter einem Felsen gab es tatsächlich einen Bereich, der deutlich besser vor dem Wind geschützt war.
Ich ging zu der jungen Frau und bot ihr meine Hilfe an. Allerdings mit einer Bedingung: Sie müsste mit ihren Sachen an diesen anderen Platz kommen.
Und plötzlich funktionierte es.
Mit den gleichen Planen, den gleichen Möglichkeiten und den gleichen Fähigkeiten konnten wir gemeinsam einen schönen, schattigen und geschützten Platz schaffen.
Später gingen wir am Lager vorbei zum Wasser. Die Familie saß dort ganz entspannt. Das Baby wurde gestillt, die Eltern konnten zur Ruhe kommen. Von der Anspannung, die vorher zu spüren gewesen war, war nichts mehr zu sehen.
Nicht das Zelt war plötzlich ein anderes geworden.
Der Platz war ein anderer geworden.
Vielleicht kennen wir solche Situationen auch aus unserem eigenen Leben.
Wir kämpfen an einem Ort, an dem wir unbedingt zurechtkommen wollen. Wir versuchen es immer wieder. Wir verändern unsere Strategie, strengen uns noch mehr an und fragen uns irgendwann:
Was stimmt eigentlich nicht mit mir?
Vielleicht zweifeln wir an unseren Fähigkeiten. Vielleicht schauen wir auf andere und denken: Warum bekommen die das hin und ich nicht? Warum haben die scheinbar die richtigen Gaben, die richtige Persönlichkeit, die richtigen Möglichkeiten – und ich nicht?
Und irgendwann verbraucht dieser Kampf unsere ganze Kraft.
Aber was ist, wenn gar nicht unsere Gaben das Problem sind?
Was ist, wenn nicht unsere Ausstattung unzureichend ist? Was ist, wenn wir einfach am falschen Platz stehen?
Allein mitten im Sturm.
Psalm 91 beschreibt genau diesen anderen Ort:
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zum HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“
Was für ein schönes Bild!
Gott verspricht nicht, dass es keinen Wind geben wird. Der Atlantik hört nicht auf zu stürmen, nur weil wir Gottes Nähe suchen.
Aber Gott bietet uns einen anderen Platz an. Einen Platz unter seinem Schutz. Einen Platz, an dem wir nicht mehr alles aus eigener Kraft aushalten müssen. Einen Platz, an dem wir zur Ruhe kommen können. Und vielleicht gehört zu diesem Platz noch etwas anderes.
Der Apostel Paulus schreibt über die Gemeinde und die verschiedenen Gaben der Menschen:
„Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen am Leib, wie er gewollt hat.“ (1. Korinther 12,18)
Gott hat also nicht nur Gaben gegeben. Er gibt auch einen Platz.
Vielleicht versuchen wir manchmal, an einem Ort zu funktionieren, an den wir gar nicht gehören. Wir vergleichen uns mit Menschen, deren Aufgabe nicht unsere ist. Wir versuchen, ihre Art zu kopieren, obwohl Gott uns ganz anders geschaffen und begabt hat. Dabei müssen wir nicht jemand anderes werden. Vielleicht müssen wir nur den Platz finden, an dem unsere Gaben zur Entfaltung kommen können. Und dieser Platz beginnt mit der Nähe zu Gott.
Unser eigenes Tarp war übrigens tatsächlich für diesen starken Wind geeignet. Wir hatten die ganze Zeit einen guten Schattenplatz. Aber irgendwann hatten auch wir genug davon, dass der Wind unaufhörlich Sand über unser Lager blies. Also wechselten auch wir den Standort – hin zu den Felsen. Und dort war plötzlich Ruhe. Der Wind war noch da. Aber wir standen nicht mehr mitten in ihm.
Vielleicht ist das manchmal auch Gottes Einladung an uns:
Du musst nicht jeden Sturm allein bekämpfen.
Du musst nicht beweisen, dass du stark genug bist.
Du musst nicht jemand anderes sein.
Komm näher zu mir.
Vielleicht ist der nächste Schritt nicht, noch mehr zu leisten, noch stärker zu werden oder deine Gaben mit denen anderer zu vergleichen.
Vielleicht ist der nächste Schritt ganz einfach:
Den Platz zu wechseln.
Dorthin, wo Gott dich haben möchte. Unter seinen Schatten. In seiner Nähe. Mit deinen Gaben. Mit deinen Grenzen. Mit dem, was dir gelingt – und mit dem, was dir nicht gelingt.
Denn dort darfst du erfahren:
Du bist nicht zufällig hier.
Du bist nicht zu wenig.
Du musst nicht wie jemand anderes sein.
Du bist Gottes geliebtes Kind. Und vielleicht wartet der Platz, an dem du dich entfalten kannst, nicht irgendwo weit weg. Vielleicht ist er näher, als du denkst.
Eine große Familien-Saga wird im ersten Buch der Bibel erzählt: Isaak trägt schwer an der Verantwortung für seinen Clan. Sie sind heimatlose Nomaden, die im trockenen Steppenland des Nahen Ostens umherziehen. Die Herausforderung: Sie müssen Wasser finden. Wasser – das Lebenselixier für Kinder, Frauen, Männer und für ihre Schafherden.
Endlich erreichen sie einen Brunnen. Aber das Wasser wird von den Bewohnern der Philister-Stadt Gerar gehütet. Deren Soldaten rücken aus mit König Abimelech an der Spitze. Sie jagen die Eindringlinge zurück in die Steppe.
In der Nacht darauf wälzt sich Clan-Chef Isaak ruhelos auf seinem Lager. Die Gedanken sind schwer. Da erscheint ihm Gott: „Hab keine Angst; ich stehe dir bei!“ Ein Zuspruch vom Allmächtigen macht Isaak Mut. Aber was bedeutet er? Soll Isaak um Wasser für seine Leute kämpfen? Verspricht Gott ihm den Sieg über die Stadt?
Am nächsten Morgen nehmen die Ereignisse eine überraschende Wendung. Der Stadtkönig steht vor dem Nomadenlager. König Abimelech aus Gerar kommt jedoch nicht mit seiner Armee, sondern mit einer Verhandlungs-Delegation. Großspurig bietet er Isaak einen Friedensvertrag an: „Versprich, dass du unsere Stadt nicht angreifen wirst. Wir haben dich ja auch in Frieden ziehen lassen.“
Isaak glaubt, sich verhört zu haben. „In Frieden ziehen lassen?! Ihr habt mich fortgejagt wie einen Feind!“ Doch er schluckt seinen Stolz herunter. Er weiß: Ein kluger Kompromiss ist besser als ein blutiger Sieg. Isaak lädt König Abimelech und seine Begleiter zu einem Festmahl ein. Sie schließen Frieden und gehen getrennte Wege.
Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Männer des Nomaden-Clans graben in der Steppe einen Brunen und stoßen auf Wasser. Jetzt wusste Issak, was Gott gemeint hatte mit „Hab keine Angst; ich stehe dir bei!“ Nicht Sieg über seine Feinde hatte der Allmächtige ihm versprochen, sondern leben in Frieden.
Manchmal finden wir das, was wir zum Leben brauchen, nicht im Kampf gegen andere, sondern dann, wenn wir den Mut aufbringen, Friedensstifter zu sein.
Corrie ten Boom erzählt: Als ich ein kleines Mädchen war, sagte ich zu meinem Vater: „Papa, ich habe Angst, ich werde nie stark genug sein, um ein Märtyrer zu werden.“
Da fragt mich der Vater: „Sag mal, wann gebe ich dir das Fahrgeld, wenn du eine Reise machst? Drei Wochen früher?“
„Nein, Papa, an dem Tag, an dem ich verreise!“
„Genau. Und siehst du, deshalb gibt dir dein himmlischer Vater nicht heute die Kraft, Verfolgung zu ertragen, wenn dich niemand verfolgt und du diese Kraft gar nicht brauchst. In dem Augenblick, wo du für Jesus leiden musst, wird er dir die nötige Kraft geben. Im Augenblick brauchst du sie nicht.“ Ich war getröstet und spielte wieder mit meinen Puppen.
Später gab mir der Herr die Fahrkarte: Als ich leiden musste, strömte die Kraft. Nicht früher, nicht später. Er gab sie zur rechten Zeit. (Quelle: Vortrag Corrie ten Boom „Personal Testimony“ beim First International Congress on World Evangelization – Lausanne, 21. Juli 1974).
Wer die beeindruckenden Bücher über das Leben von Corrie ten Boom gelesen hat, wird diese Geschichte vielleicht kennen. Eine Wiederholung schadet nicht. Zeigt sie doch mit klaren und deutlichen Argumenten, dass jeder ins Zweifeln geraten kann, aber der Helfer schon bereitsteht, auch wenn wir ihn noch nicht sehen.
Solange der Himmel hell ist, machen wir uns wenig Gedanken über das nächste Unwetter. Doch wenn dunkle Wolken aufziehen, fragen wir uns, ob wir stark genug sein werden. Die gute Botschaft lautet: Wir müssen nicht aus eigener Kraft bestehen. Gott erwartet nicht, dass wir die Last allein tragen. Er verheißt, uns gerade dann nahe zu sein, wenn wir seinen Beistand am meisten brauchen. Und wir müssen nicht die Kraft für alle kommenden Tage besitzen. Gott gibt uns gewöhnlich nicht schon heute die Hilfe für die Nöte von morgen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass seine Hand uns dann trägt, wenn die Stunde der Prüfung kommt. Wer sich ihm anvertraut, muss den Weg nicht allein gehen. Gott verspricht nicht immer den einfachen Weg, aber seine Gegenwart und seinen Beistand zur rechten Zeit.
„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20).
„Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen“ (Psalm 50,15).
Corrie ten Boom heißt eigentlich Cornelia Arnolda Johanna „Corrie“ ten Boom (1892 in Amsterdam geboren; 1983 in den USA verstorben), war eine niederländische Judenretterin. Sie gründete während der nationalsozialistischen deutschen Besetzung der Niederlande eine Untergrundorganisation, mit der zahlreiche Juden vor dem Holocaust gerettet wurden. Nach dem Verrat und Gefängnisaufenthalten kam sie ins Konzentrationslager Ravensbrück, das sie überlebte. Nach dem Krieg wurde sie in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Israel mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Sie predigte bis ins hohe Alter europaweit von der Liebe Gottes und schrieb mehrere Bücher über ihre Erfahrungen. Im Film „Die Zuflucht“ wurde ihre ergreifende Lebensgeschichte 1975 verfilmt. Ihr Elternhaus ist heute das Corrie-ten-Boom-Museum in Haarlem.
„Manchmal beginnt eine Debatte nicht mit Zahlen oder Studien, sondern mit einem Satz am Küchentisch. ‚Wir verblöden‘, sagt Sarah. 24 Jahre alt, aufgewachsen mit Smartphone und Social Media – und plötzlich ist sie diejenige, die warnt: vor Algorithmen, die unsere Zeit fressen, vor einem Dauerrauschen, das unser Denken ersetzt, und vor einer Welt, in der wir ständig verbunden sind – aber immer seltener wirklich da sind.“ So las ich es vor einiger Zeit in einem Beitrag.
Das Thema „Social Media“ ist nicht neu. Aber es scheint drängender zu werden. Selbst junge Menschen spüren, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Regeln der Anbieter, Altersbeschränkungen oder begrenzte Online-Zeiten – vieles wurde schon versucht. Und doch bleibt die Frage: Wie können wir mit sozialen Medien umgehen, ohne uns von ihnen beherrschen zu lassen?
Noch nie waren Menschen in der Geschichte so eng miteinander verbunden wie heute. Wir können jederzeit Nachrichten austauschen, Informationen teilen und über Grenzen hinweg miteinander in Kontakt bleiben. Das ist faszinierend und ein großer Fortschritt.
Und doch sind viele Menschen einsam, unruhig und überfordert. Wir sind zwar ständig erreichbar, viel beschäftigt – und oft trotzdem nicht wirklich präsent. Dabei verlieren manche nicht nur den Kontakt zu anderen, sondern auch ein Stück weit den Kontakt zu sich selbst.
Natürlich liegt das nicht allein an sozialen Medien. Aber sie sind ein Teil dieser Entwicklung. Deshalb lohnt sich die Frage: Können wir dem Sog dieser digitalen Welt für eine Weile entkommen? Die Antwort lautet: Ja! Gerade die Urlaubszeit bietet eine gute Gelegenheit dazu.
Urlaub muss ja keine Flucht vor dem Alltag sein. Aber er kann helfen, wieder neu zu entdecken, was wirklich wichtig ist: die eigene innere Balance, die Menschen, die uns nahestehen, gemeinsame Erlebnisse und gute Gespräche. Zeit zum Essen, Spielen, Lachen, Nachdenken und einfach Dasein.
Dafür brauchen wir nicht ständig Smartphone und Tablet. Vielleicht liegt darin eine einfache, aber wirksame Möglichkeit, dem „Verblöden“ und Veröden etwas entgegenzusetzen: nicht durch radikalen Verzicht, sondern durch einen bewussteren Umgang.
Warum auch nicht einmal wieder ein Buch zur Hand nehmen? Oder die Bibel – das Buch der Bücher –, die man schon so lange mal lesen wollte? Vielleicht entdecken wir dabei etwas, das in der digitalen Dauerbeschallung leicht verloren geht: Ruhe, Tiefe und den Blick für das, was wirklich zählt.
Eine erholsame und behütete Urlaubszeit wünscht
Lothar Scheel
Es gibt diese Tage im Juni: lange, warme Abende, der Duft der Linden liegt schwer in der Luft. Man schneidet eine Melone auf, irgendwo lachen Menschen, das Licht wird golden – und plötzlich entsteht dieser seltsame Gedanke: „Bitte hör nicht auf. Dieser Tag soll nie enden.“
Vielleicht kennen wir genau solche Momente aus dem Urlaub. Man sitzt am Meer. Oder auf einem Balkon in der Abendwärme. Kinder spielen noch draußen, obwohl es längst spät ist. Und mitten in diesem Augenblick merken wir: Wir versuchen innerlich festzuhalten, was sich nicht festhalten lässt.
Wir machen Fotos. Wir speichern Videos. Wir sagen: „Das müssen wir unbedingt wiederholen.“ Und doch wissen wir tief in uns: Der Moment vergeht, bereits während wir ihn erleben. Vielleicht ist das eine der schmerzlichsten Erfahrungen unseres Lebens: Dass das Schöne nicht bleibt. Und gerade deshalb versuchen wir oft, selbst das Glück zu optimieren.
Wir leben in einer Welt der Effizienzsteigerung. Alles soll besser werden. Produktiver. Intensiver. Außergewöhnlicher. Nicht nur die Arbeit, auch das Leben selbst, der perfekte Urlaub, das perfekte Familienfest, die perfekte Erinnerung. Wir wollen besondere Momente maximieren. Wir wollen das Leben verdichten, damit möglichst viel Erfüllung hineinpassen möge. Aber je mehr wir versuchen, den Moment festzuhalten, desto deutlicher merken wir: Wir können es nicht. Das Glas leert sich.
Die Kräfte lassen nach, Kinder werden groß, Beziehungen verändern sich, Gesichter altern, Gesundheit ist zerbrechlich. Und manchmal geschieht das viel zu früh.
Der Journalist und Autor Jo Failer beschreibt seine Alzheimer-Erkrankung im Alter von nur 51 Jahren mit einem erschütternden Bild. Er sagt, sein Alltag fühle sich an wie eine Wohnung ohne Möbel – vertraut in der Struktur, aber innerlich lückenhaft. Was für ein Satz!
Die Räume sind noch da. Die Wege kennt man noch. Aber vieles, was einmal gefüllt war, ist verschwunden. Vielleicht berührt uns dieses Bild so sehr, weil es nicht nur von Demenz erzählt. Es beschreibt etwas Menschliches überhaupt.
Manchmal stehen wir mitten in unserem Leben und spüren plötzlich diese Leere. Die äußeren Räume existieren noch. Der Alltag läuft weiter. Aber etwas ist brüchig geworden. Und selbst die schönsten Momente können das nicht dauerhaft füllen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Sehnsucht des Menschen: Nicht nur nach schönen Augenblicken, sondern nach dem, was bleibt.
Wenn ich meine Eltern frage, wie es ihnen geht, dann sprechen sie inzwischen nicht mehr über große Pläne, nicht über „was man noch erreichen müsste“. Sie sprechen über Dankbarkeit. Über jeden gemeinsamen Tag, der ihnen noch bleibt. Und fast dieselben Worte höre ich von einem alten Ehepaar aus unserer Gemeinde. Der Körper wird schwächer. Die Schmerzen nehmen zu. Vieles geht nicht mehr. Und doch sagen sie: „Jeder gemeinsame Tag ist ein Geschenk.“
Mich bewegt das tief. Denn dort entdecke ich etwas, das größer ist als jugendliche Euphorie oder optimierte Glücksmomente. Eine Liebe, die nicht mehr vom Perfekten lebt. Eine Freude, die sogar in der Zerbrechlichkeit noch existiert. Vielleicht ist das schon dieser Hauch von Ewigkeit.
Die Bibel spricht davon, dass Gott dem Menschen „die Ewigkeit ins Herz gelegt“ hat (Pred 3,11). Nicht als billige Vertröstung auf später. Sondern als tiefe innere Ahnung: Wir sind geschaffen für mehr als vergängliche Augenblicke. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.“ (Johannes 10,10 Lutherbibel 2017)
Nicht nur irgendwann. Nicht erst nach dem Tod. Schon jetzt beginnt Gott, leere Gefäße zu füllen – jeden Tag. Vielleicht ist das das Wunder des Glaubens: Dass Gott unsere Vergänglichkeit nicht einfach beseitigt – aber seine Ewigkeit hineingießt.
Der Körper altert. Erinnerungen verblassen. Manches zerbricht. Aber Gottes Geist kann Räume füllen, die längst leer geworden sind. Darum spricht Jesus auch davon, Wohnungen vorzubereiten. Ein Zuhause, das nicht zerfällt. Eine Gemeinschaft, die nicht vom Tod beendet wird. Ein Leben, das nicht aus den Händen gleitet wie ein schöner Sommertag im Juni.
Vielleicht fühlen sich manche Menschen heute innerlich leer. Vielleicht reichen selbst die Highlight-Momente nicht mehr aus. Vielleicht ist da dieses stille Wissen: „Es müsste doch mehr geben.“ Dann lade ich dich ein: Spüre diesem Hauch von Ewigkeit nach – nicht im Perfekten, nicht im krampfhaften Festhalten, nicht im Versuch, jeden Moment maximal auszukosten, sondern dort, wo Gottes Geist beginnt dein Lebensglas zu füllen: mit Hoffnung, mit Liebe, mit Gegenwart; mit einem Frieden, der tiefer reicht als flüchtiges Glück. Und vielleicht wirst du dann entdecken: Die schönsten Momente unseres Lebens sind nicht die, die niemals enden, sondern die, in denen mitten in unserer Vergänglichkeit plötzlich etwas von Gottes Ewigkeit aufleuchtet.
Familien und Berufstätige freuen sich auf ein langes Wochenende: im Garten grillen, mit Freunden durch die grüne Natur wandern, in den Kurzurlaub fahren, und das alles bei hoffentlich mildem, sonnigen Wetter. Manche denken auch daran, dass es das Geburtstagsfest der christlichen Kirche ist – Pfingsten.
Wie war das damals, als die christliche Gemeinde das Licht der Welt erblickte?
Tatsächlich entsteht die erste Gemeinde nicht, als überzeugte Christen eine Gründungsversammlung organisieren. Die Bibel erzählt vielmehr davon, wie etwas Lebendiges entsteht, weil Gottes Geist ihm Leben einhaucht.
Jesus war zu Gott in den Himmel zurückgekehrt. Seine Jünger hielten zusammen und warteten darauf, was Gott als nächstes tun würde. Auch Frauen gehörten zu ihnen. Da erlebte die Schar von Jesus-Nachfolgern Gottes kraftvolles Eingreifen. Der gewaltige Atem Gottes brauste ihnen wie Wind um die Ohren. Die Menschen verstanden, was das bedeutete. Am Beginn der Welt hatte Gott dem Menschen das Leben eingehaucht: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. (1Mo 2,7)
Jetzt, zum ersten Pfingsten hauchte Gott der christlichen Gemeinde Leben ein, Leben in einer ganz neuen Ewigkeits-Qualität.
Und in der Tat reicht diese Lebenskraft bis heute. Seit zweitausend Jahren werden Menschen damit angesteckt, Jesus Christus zu vertrauen und ihm ihr Leben zu weihen. Seitdem lebt die christliche Kirche und gibt ihr Leben von Generation zu Generation weiter. Jesus erklärte es dem Gelehrten Nikodemus so: Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt von menschlicher Art. Von geistlicher Art kann nur sein, was vom Geist Gottes geboren wird. (Joh 6,63)
Die Botschaft von Pfingsten ist, dass wir durch Gottes Geist über unsere menschlichen Grenzen hinauswachsen können.
Christliche Gemeinde ist ein Zeugnis dafür, dass Gott in unserer Welt wirksam ist. Und sie ist Gottes Versprechen, dass unser Leben nicht so eng und begrenzt bleiben muss, wieweit unsere eigene Kraft reicht, sondern dass Gottes Lebensgeist uns mit göttlicher Lebenskraft erfüllt.
Text: Simon Krautschick
Bild: von Pexels auf Pixabay
In diesem Jahr erklingt in der Dresdner Kreuzkirche am Gründonnerstag und Karfreitag die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Die Musik führt uns tief hinein in das Geheimnis von Karfreitag und Ostern. Ob in der Matthäuspassion oder der Johannespassion – wir hören nicht nur eine Geschichte, sondern wir werden selbst hineingenommen: in das Leiden, das Fragen, das Erschrecken… und schließlich in die Hoffnung.
„O Haupt voll Blut und Wunden“ – diese bekannte Choralmelodie aus der Matthäuspassion lässt uns innehalten. Sie zeigt uns Christus in seinem Leiden. Verwundet, verspottet, verlassen. Und doch: In all dem liegt eine stille Liebe, die sich nicht zurückzieht. Jesus geht diesen Weg – für uns.
Die Johannespassion klingt an vielen Stellen anders: eindringlicher, dramatischer. Dort hören wir Jesus sagen: „Es ist vollbracht.“ Kein Schrei der Niederlage, sondern ein Ruf der Vollendung. In diesem Moment scheint alles zu enden – und doch beginnt genau hier etwas Neues.
Ostern ist die Antwort. Was in den Passionen noch dunkel und schwer klingt, wird an Ostern hell: Das Grab ist leer. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Trauer der Jünger verwandelt sich – langsam, vorsichtig – in Staunen und Hoffnung.
Vielleicht kennen wir solche Momente auch: Zeiten, in denen alles verloren scheint. Fragen ohne Antwort. Dunkelheit, die sich schwer auf das Herz legt. Die Passionen Bachs geben diesen Gefühlen Raum. Sie beschönigen nichts. Aber sie bleiben nicht dort stehen.
So wie die Musik am Karfreitag nicht verstummt, sondern weiterklingt, so geht auch Gottes Geschichte mit uns weiter. Ostern sagt: Gott lässt uns nicht im Dunkeln. Er verwandelt Leid. Er schenkt neues Leben – oft leise, oft unerwartet.
Manchmal beginnt es wie ein leiser Ton – ein Hoffnungsschimmer, kaum hörbar. Doch dieser Ton wächst…
So dürfen wir hören, glauben und hoffen:
Dass hinter jedem „Es ist vollbracht“ ein neues „Er ist auferstanden“ steht.
Dass das Ende nicht das Ende ist.
Dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod.
Gebet: Herr, in der Tiefe des Leidens bist du uns nahe. In der Dunkelheit lässt du uns nicht allein. Öffne unsere Herzen für die Hoffnung von Ostern. Lass uns hören, wie dein Leben neu in uns klingt. Amen.
Im März ist Frühlingsanfang. Es ist die Zeit des Aufbruchs und des Neubeginns. Noch sieht die Landschaft karg aus – aber unter der Erde wächst bereits neues Leben.
Für viele ist der März auch Fastenzeit. Fasten bedeutet nicht unbedingt Rückzug und Verzicht, sondern kann auch eine Einladung sein, bewusster zu leben. Womit sind meine Tage ausgefüllt? Was bestimmt eigentlich mein Denken? Und was trägt mich wirklich?
Unsere Zeit verlangt klare Antworten und schnelle Lösungen. Das möchten wir für uns selbst auch gerne. Doch Leben lässt sich Zeit. Es lässt sich nicht machen und der Frühling kommt nicht, wenn wir es ihm befehlen. Er kommt, wenn er kommt, selbst wenn es mal etwas länger dauert, auch nach dem härtesten Winter.
Das Entscheidende geschieht oft verborgen und still, nicht spektakulär und laut. So wirkt Gott in der Natur und wohl auch in unserem Leben. Auch da geschehen wichtige Veränderungen und persönliches Wachstum meistens nicht plötzlich und über Nacht. Ob in einem Gespräch, in einem stillen Gebet, durch einen kleinen ersten Schritt der Versöhnung, den niemand außer uns bemerkt – immer braucht es Zeit und Geduld.
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“, lautet das Jahresmotto der evangelischen Kirchen und Freikirchen in Deutschland für 2026. Die Fastenzeit könnte ja eine Einladung sein, sich wieder mehr Zeit für das Wesentliche zu lassen. Mal Überflüssiges weglassen und etwas Neues probieren, die Sinne schärfen und genauer hinschauen, hinhören und spüren, wo sich zarte Knospen neuen Lebens zeigen. Dazu gehört auch: Mehr aufs eigene Herz zu hören und sich weniger von anderen Meinungen bestimmen lassen. Mehr Stille und weniger Eile, mehr Aufmerksamkeit und weniger Ablenkung. Weniger Angst vor der Zukunft, dafür mehr Vertrauen auf den, der Zukunft verheißt und schafft.
Und dann geschieht etwas Merkwürdiges: Die Welt verändert sich nicht sofort – aber wir verändern unseren Blick. Und plötzlich entdecken wir mitten im grauen Alltag Zeichen des Lebens: ein ehrliches Lächeln, ein offenes Ohr, einen versöhnten Gedanken, einen Moment echter Ruhe.
Bald beginnt da draußen der Frühling. Aber er kann auch innen beginnen, im eigenen Herzen und in der eigenen Seele.
Der Februar ist ein seltsamer Monat.
Die Lichter der Advents- und Weihnachtszeit sind erloschen. Die vertrauten Familienmomente liegen hinter uns. Um uns: Kälte, Grau, Matsch. Tage, die sich gleichen. Nichts scheint sich zu verändern, nichts deutet sichtbar auf einen Neuanfang hin.
Auch innerlich erleben viele diesen Stillstand. Die Nachrichten verstärken ihn. Jeden Tag neue Meldungen, die erschrecken, überfordern, verunsichern. Das Gefühl wächst, dass ein regelbasiertes, verlässliches Weltgefüge brüchig geworden ist. Was gestern noch galt, scheint heute nicht mehr sicher. Das erzeugt kollektive Fassungslosigkeit – und Angst.
In dieser Situation haben mich Gedanken aus einer Rede auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos von Mark J. Carney (Premierminister Kanadas) berührt. Er sprach davon, dass die Macht der weniger Mächtigen mit Ehrlichkeit beginnt. Davon, dass Systeme nicht nur durch Gewalt bestehen, sondern durch die stillschweigende Teilnahme ganz gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Václav Havel hat das in seinem Aufsatz „Die Macht der Machtlosen“ eindrücklich beschrieben:
Ein System lebt nicht von seiner Wahrheit, sondern davon, dass alle so tun, als wäre es wahr. Und es beginnt zu bröckeln, wenn jemand damit aufhört.
Diese Gedanken treffen einen Nerv unserer Zeit. Sie beschreiben eine Welt, in der Anpassung als Sicherheit verkauft wird, in der Konformität als Überlebensstrategie gilt. Eine Welt, die kalt werden kann – wie ein Winter ohne Aussicht auf Frühling. Eine Welt der Raubtiere, in der die Starken dominieren und die Schwachen schnell aussortiert werden.
Genau in eine solche Welt hinein spricht die Bibel.
Wenn wir auf Gottes Gebote schauen, dann sind sie nicht zuerst ein moralischer Maßstab zur Selbstoptimierung. Sie sind keine juristisch wasserdichten Paragraphen und auch kein spirituelles Leistungsprogramm. Sie sind Orientierungshilfen für ein gelingendes Leben in einer Welt der Machtverhältnisse. Sie schützen das Leben, die Würde, die Beziehungen – besonders dort, wo der Schwächere sonst unter die Räder käme.
Gottes Gebote sind keine kalten Regeln. Sie sind ein Gegenentwurf zur Kälte einer Welt, in der jeder nur um sich selbst kreist.
Jesus selbst sagt nüchtern (Johannes 16,3): „In der Welt habt ihr Angst.“
Er beschönigt nichts. Aber er bleibt nicht dabei stehen: „Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Wie sieht diese Überwindung aus?
Nicht durch noch größere Macht, nicht durch Härte oder Rückzug in die eigene Festung. Sondern durch Beziehung. Menschen wenden sich einander zu. Sie reichen einander die Hand. Sie teilen Wärme – im übertragenen wie im ganz konkreten Sinn.
Gott selbst geht diesen Weg. Er wendet sich uns zu – nicht nur zu Weihnachten, sondern an jedem grauen Februartag danach. Er ist ein Gott, der unsere Schwachheit sieht, erkennt und heilt. Einer, der nicht auf Distanz bleibt, sondern Nähe sucht. Und wir Menschen wenden uns ihm zu, dem Überwinder.
Darum heißt es: „Wenn ihr dies alles seht, dann erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)
Auch wenn der Winter noch spürbar ist – der Frühling steht vor der Tür.
Und noch persönlicher sagt Christus: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und mir öffnet, zu dem werde ich eintreten und das Mahl mit ihm halten.“ (Offenbarung 3,20)
Das ist kein Bild von Macht, sondern von Gemeinschaft. Kein kaltes System, sondern ein gedeckter Tisch.
Mit ihm an unserer Seite dürfen wir hoffen. Wir dürfen Sicherheit empfinden, die nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus Vertrauen. Wir dürfen uns fallen lassen – weil wir nicht allein sind.
Diese Allianz mit Gott hat eine Stärke, die tiefer reicht als politische Machtspiele. Sie gründet in Wahrheit, Integrität und Beziehung. Sie setzt der Kälte etwas entgegen. Und sie wird die Mächtigen nicht nur begrenzen, sondern sie eines Tages auch zur Rechenschaft ziehen.
Am Ende steht nicht der Winter.
Am Ende steht die Verheißung: „Siehe, ich mache alles neu.“
Ich schaue nicht mehr hin. Die Nachrichten – kaum Aussicht auf Veränderung. In den Spiegel – ich werde alt. Werbung – kaum etwas davon brauche ich. Jetzt hat ein neues Jahr begonnen. Lohnt es sich Ausschau zu halten? Könnte ich etwas Buntes, Lebendiges, Erfreuliches, Hoffnungsvolles erspähen?
„Siehe!“ Das Bibelwort aus der Offenbarung lädt uns ein hinzuschauen. Genau genommen, ist es „Der auf dem Thron sitzt“, der verspricht: „Es lohnt sich, mach doch die Augen auf.“ Der Schöpfer selbst erschafft einen Neuanfang.
„Ich mache alles neu!“ ist der Höhepunkt, auf den das ganze biblische Buch „Die Offenbarung“ hinausläuft. Der Name des Buches ist Programm: ein Vorhang wird zur Seite gezogen, damit wir sehen können, wer tatsächlich das Ruder in der Hand hat. Wir schauen in den Thronsaal des Universums. Dort wird Gott als Herrscher verehrt. In unserer Lebenswirklichkeit auf der Erde sehen wir davon oft nichts. Dort herrschen andere Prinzipien. „Geld regiert die Welt“ sagen wir, oder „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.“ oder „Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.“
Auf dem Thron des Universums sitzt jedoch nicht der, der sich am wirkungsvollsten durchgesetzt hat, sondern Jesus Christus, von dem gesagt wird: Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. (Phil 2,7-9)
Die Herrschaft Gottes mit ihrer menschenfreundlichen und dem Leben zugewandten Grundausrichtung, kommt uns aus der Zukunft entgegen. Sie wirft ihren Schein auch schon auf das neue Jahr, das gerade begonnen hat und vor uns liegt.
Wir brauchen aber nicht nur darauf warten, dass Gottes Herrschaft unsere Welt einmal umfassend umkrempelt. Er beginnt seine Neuschöpfung jetzt schon, jederzeit, im Herzen eines Menschen. Neues entsteht, wenn sich ein Mensch auf eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott einlässt. Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und schenke euch ein Herz, das lebt. (Hes 36,26)
Die Augen aufzumachen, lohnt sich doch, und das Neue zu suchen, das Gott in anderen Menschen und auch in mir selbst erschafft. Danach will ich Ausschau halten.
Text: Simon Krautschick
Foto: Kiều Trường auf Pixabay
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