Am Anfang war der Geruch. Ich stieg aus dem Zug, am Bahnhof in Brest. Es roch nach Bitumen, merkwürdig vertraut. Später lief ich mehrere Kilometer durch eine Siedlung, fand schließlich den Kirchenbau, der zur Adventgemeinde gehört. Dann war da der Blick. Als ich mich still auf die letzte Reihe setzte, drehte sich ein Mann neugierig nach mir um: “Woher kommst du?” In seinen Augen brannte ein Feuer, ich spürte es sofort.

Nach dem Gottesdienst lerne ich den Mann vor mir genauer kennen. Iwan Wassiljewitsch Schmirga: Architekt, Musiker, Invalide. Seit einem Arbeitsunfall vor vielen Jahren zieht er ein Bein etwas nach. Iwan, wie er sich selbst kurz nennt, wohnt mit Frau und Tochter in einem der typischen Holzhäuser der Siedlung. Er ist Vorsitzender der “Gesellschaft für Invaliden und Umwelt” in Brest.

Als Betroffener hat er sich für einen Inklusions-Spielplatz auf dem Gelände der Adventgemeinde eingesetzt. Anfang September 2019 war die Eröffnung. Alle Spiel- und Sportgeräte sind für Behinderte und Nichtbehinderte ausgelegt. Der Platz bietet so ziemlich alles: Dart, Bogenschießen, Blindentischtennis, diverse Bewegungsgeräte.

Sechs organisierte Gruppen nutzen das Gelände, in der Zeit dazwischen stehen die Geräte für Anwohner zur Verfügung. Auch ich hänge mich an ein Gerät, ziehe mit den Armen und merke: Ich ziehe exakt mein eigenes Körpergewicht in die Höhe. Die Konstruktion kommt ohne Gewichte aus.

 Dieser Spielplatz ist mehr als ein Spielplatz. Das Projekt nennt sich „Inklusives Zentrum zur Förderung eines gesunden Lebensstils”. Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und die Europäische Union haben es mit viel Fördergeld unterstützt. Aber, das spüre ich in Weißrussland deutlich, es braucht für solch ein Projekt auch glückliche Fügungen, eine segnende Hand.

In Belarus gibt es viele Behinderte, jedenfalls sind sie auf den Straßen sichtbar. Iwan führt viele Behinderungen auf den Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 zurück. Die radioaktive Wolke war mit dem Wind über weite Teile Weißrusslands hinweg gezogen. Inklusion ist nicht nur in Deutschland ein Thema.

 

In meiner Woche in Brest entsteht etwas zwischen Iwan Wassiljewitsch und mir. Das Feuer brennt nicht nur in seinen Augen. Alles was er macht, hat so etwas dringliches. Sein nächstes Projekt: Eine Werkstatt zur Herstellung von orthopädischen Schuhen. Ob das gelingt? “Komm wieder”, sagt er zum Abschied. Frau und Tochter stehen vor ihrem Holzhäuschen und winken.

Text/Fotos: Andreas Schrock, Screenshot links: Fernsehbeitrag des örtlichen TV-Senders

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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