Der erste Buchevangelist der Region Dresden war Andreas Krautschick (1877-1961). Im Jahr 1903 erlebte er seine persönliche Wende. Da war er 26 Jahre alt. Seine Tochter Martha Kindler erzählt:

Mein Vater ist 1903 von Lippen bei Boxberg nach Dresden gegangen. Dort wurde er Kutscher in einer Zuckerwarenfabrik. Er war Kirchenchrist und da hat er unterwegs an einer großen Litfaßsäule dieses Standbild aus Daniel 2 gesehen. Das hat er sich durchgelesen. Es war eine Einladung zu Vorträgen. Da dachte er, dass muss er sich mal anhören und ist zum Vortrag gegangen. Und er war begeistert, dass so etwas in der Bibel steht.

„In Erwartung der Weltkatastrophe…“ Ankündigung einer Vortragsreihe mit
A. Krautschick in Bischofswerda

Was ist dann passiert? 

Dann hat er seinen Bruder August mitgenommen (Anm.: Urgroßvater von Simon Krautschick). Die Geschichte hat er uns manches Mal erzählt: „August hat sich nie von mir was sagen lassen, weil er zwei Jahre älter war. Aber in diesem Fall hab ich ihn an die Hand genommen und gesagt: August, du musst dir das anhören.“ Und August ist mitgegangen und sie sind beide dabei geblieben.

Gab es Risiken, die dein Vater eingegangen ist?

Mein Vater hat Schwierigkeiten mit den Arbeitern bekommen. Er hat wohl in den Kutscherstuben gewohnt. Einmal musste er sich verstecken. Die Arbeiter sagten: „Der Krautschick ist verrückt geworden.“ Er war nicht mehr sicher. Und dann hat er sich vorgenommen, Buchevangelist zu werden. Über seine Arbeit als Buchevangelist hat er gar nichts weiter erzählt. Das war ja auch eine ganz andere Zeit als heute. Ich weiß aber, dass er viele Bücher von Schwester White verkauft hat.

Andreas Krautschick (1877-1961)

 Ist dein Vater im Raum Dresden geblieben?

Nur einige Jahre. Mein Vater ist 1906 zur Predigerausbildung nach Friedensau gegangen. Wie er uns erzählte, hat er die neue Schule mit gebaut. 1908 ging er von Friedensau in seine alte Heimat nach Lippen zurück. Im Nachbarort von Lippen gab mein Vater einer jungen Frau Bibelunterricht. Ihre Eltern waren Adventisten. Und dann hat er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie hieß Helene, das war also meine Mutter. Kurz danach hat mein Vater in Köslin (Anm: zwischen Stettin und Danzig, heute Polen) seine erste Predigerstelle angetreten. Helene kam nach und der Bezirksälteste Gerhard Perk hat sie beide getraut.

Was war dein Vater für ein Mensch?

Mein Vater hat über sich gesagt, dass er zum Jähzorn neigt. Aber ich selbst habe ihn nicht so erlebt. Er hatte uns Kinder sehr geliebt. Er war streng, aber abends kam er immer und fragte: „Ist alles in Ordnung, mein Kind?“ Er wollte nicht schlafen gehen, wenn irgend eine Spannung war. Seine letzte Predigerstelle war in Weißwasser. Er hat nie über jemanden geredet und nie über jemanden geschimpft. Wir haben bei ihm gewohnt und ihn gepflegt bis zu seinem Tod. Er hat den Heiligen Geist an sich arbeiten lassen. Seine letzte Predigt war über die Liebe. Eine Woche später hat er die Augen geschlossen.

Martha Kindler gab diese Auskünfte im Alter von 88 Jahren. Sie war zuletzt in der Adventgemeinde Weißwasser zu Hause.

Gespräch: A. Schrock, einzelne Passagen wurden behutsam gekürzt. Abbildungen: privat

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